Aura Rosenberg

Berlin Childhood + The Angel of History

Aura Rosenberg, Berliner Kindheit (Das Pult (Praxis Dr. Kössendrup)), 1999
Aura Rosenberg, Berliner Kindheit (Das Pult (Praxis Dr. Kössendrup)), 1999

eingeladen von/invited by Barbara Buchmaier

Ausstellung: 10.06.2022 – 06.08.2022, verlängert bis/extended until 13.08.2022

2. Etage

Öffnungszeiten: Do–Fr 14–18 Uhr, Sa 12–18 Uhr

Bitte tragen Sie während Ihres Ausstellungsbesuchs eine FFP2-Maske. Danke.

(English version below)

Erinnerung und Geschichte – (Auto-)Biographie und Geschichtsschreibung: Im Mittelpunkt der Ausstellung von Aura Rosenberg bei RL16 stehen die beiden Werkserien Berliner Kindheit und Engel der Geschichte. Darin greift die Künstlerin, deren Vater 1939 aus Deutschland in die USA emigrierte, auf bekannte Publikationen von Walter Benjamin (1892–1940) zurück. Beobachtungen und Formulierungen daraus übersetzt sie in Bilder der Gegenwart. Dabei ist es Zufall, dass die wohnungsähnlichen Ausstellungsräume von RL16, die sich im zweiten Stock eines Gebäudes aus dem 19. Jahrhundert befinden, an das Ambiente von Benjamins bürgerlicher Kindheit denken lassen.

Walter Benjamin begann 1932 an Berliner Kindheit um neunzehnhundert zu arbeiten, als er Berlin verließ, um, wie er befürchtete, lange ins Exil zu gehen. Das Buch selbst wurde erst 1950 postum veröffentlicht. Die endgültige deutschsprachige “Fassung letzter Hand” umfasst 42 kurze Texte, in denen sich der Autor an sein bürgerliches Aufwachsen im Berlin der Jahrhundertwende erinnert. Obwohl sich die Texte auf Ereignisse und Orte aus Benjamins Kindheit beziehen, sind sie dennoch allegorisch. Benjamins Buch eröffnete Rosenberg eine neue Perspektive auf die Stadt, in der sie seit 1991 mit ihrem Mann John Miller und ihrer Tochter Carmen Rosenberg-Miller die Sommer verbringt.

Rosenberg verfolgte dieses Projekt über viele Jahre hinweg und schuf ein vielschichtiges fotografisches Werk, das nicht nur Benjamins Sichtweise, sondern auch ihre eigene als geschichtsbewusste Künstlerin und Mutter widerspiegelt. Darin werden Analogien zu Benjamins Texten erkennbar – zum Beispiel im Wiederaufsuchen der Schauplätze oder im Ausfindigmachen von Ereignissen, welche dieser beschreibt. Auf diese Weise wurden Carmens Erfahrungen zu einer zeitgenössischen Parallele zu Benjamins eigenen ein Jahrhundert zuvor.

Im Frühjahr 2001 präsentierte die daadgalerie (damals noch in der Kurfürstenstraße 58 über dem Café Einstein Stammhaus) diese Fotografien zum ersten Mal. Für die aktuelle Ausstellung bei RL16 haben wir einige dieser Fotos von vorwiegend privaten Leihgeber*innen ausgeliehen. Dabei wurde der Prozess des Abholens unerwartet zu einer Tour durch das ehemalige West-Berlin, wo Rosenbergs Leben hier begann.

Vor etwa sechzehn Jahren lernte Aura Rosenberg die Enkelin von Walter Benjamin, Chantal Benjamin, kennen. Sie wurden Freunde. Und nachdem Chantal ihre Tochter Lais geboren hatte, begann Rosenberg, die beiden im Zusammenhang mit den Texten der Berliner Kindheit zu dokumentieren. In den Filmen, die in der Ausstellung zu sehen sind, arbeitet Rosenberg mit der Künstlerin Frances Scholz zusammen. Zu sehen sind darin Chantal und Lais Benjamin, während Lais im Voiceover die Texte ihres Urgroßvaters liest.

Die Ausstellung umfasst auch skulpturale Arbeiten. Die Tapisserie (Nähkasten, 2004/2022) wurde von Benjamins Kurzprosa „Der Nähkasten“ angeregt. Die in mehreren Fotografien festgehaltene Siegessäule erscheint als vergoldete Miniatur aus der Edition Das fehlende Andenken. Nachdem Rosenberg festgestellt hatte, dass es keine Souvenirs zu diesem mitunter zwiespältigen Denkmal gab, produzierte sie diese Auflagenarbeit für die Berlin Biennale im Jahr 2004. Auf diese Weise sucht Rosenberg die Konfrontation mit der traumatischen Geschichte des Monuments, die auch Benjamin ungute Gefühle bereitete.

Das Aquarell Angelus Novus von Paul Klee inspirierte Benjamin zum „Engel der Geschichte“, einem Abschnitt seiner philosophischen Thesen Über den Begriff der Geschichte (1940). In einer Reihe von Montagen und einem Animationsfilm verwandelt Aura Rosenberg Benjamins Text wieder in Bilder. In Rosenbergs Film (2013) bläst ein „Sturm vom Paradiese her“ den Engel gnadenlos rückwärts in die Zukunft. „Das was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm“, doch der Engel sieht, erfasst vom Wind in seinen Flügeln, wie sich die Trümmer der Weltgeschichte vor seinen Augen auftürmen. Rosenberg montiert Engel auch auf die Titelseiten aktueller Zeitungen mit Schlagzeilen über die Corona-Pandemie, Waffengewalt in den USA und den russischen Krieg gegen die Ukraine.

Text: Barbara Buchmaier

Vielen Dank an die Leihgeber*innen: Sammlung Artothek des Neuen Berliner Kunstvereins (n.b.k.), Marita und Matthias Deecke, Hartwig Holst und Sabine Odenkirchen, Dirk und Ise Kössendrup, Regula Kukula, Anna Winger und zwei Privatsammlungen in Berlin; vielen Dank auch an die Efremidis Galerie für die Leihgabe des Monitors.

Aura Rosenberg, Berlin Childhood + The Angel of History, Ausstellungsansicht (aus der Serie Berliner Kindheit, 1996–2001), Foto: Jens Ziehe

Aura Rosenberg, Berlin Childhood + The Angel of History, Ausstellungsansicht (aus der Serie Berliner Kindheit, 1996–2001), Foto: Jens Ziehe

Aura Rosenberg, Berlin Childhood + The Angel of History, Ausstellungsansicht (aus der Serie Berliner Kindheit, 1996–2001), Foto: Jens Ziehe

Aura Rosenberg, Berlin Childhood + The Angel of History, Ausstellungsansicht (aus der Serie Berliner Kindheit, 1996–2001), Foto: Jens Ziehe

Aura Rosenberg, Berlin Childhood + The Angel of History, Ausstellungsansicht (aus der Serie Berliner Kindheit, 1996–2001), Foto: Jens Ziehe

Aura Rosenberg, Berlin Childhood + The Angel of History, Ausstellungsansicht (aus der Serie Berliner Kindheit, 1996–2001), Foto: Jens Ziehe

Aura Rosenberg, Berlin Childhood + The Angel of History, Ausstellungsansicht (aus der Serie Berliner Kindheit, 1996–2001), Foto: Jens Ziehe

Aura Rosenberg, Berlin Childhood + The Angel of History, Ausstellungsansicht (aus der Serie Berliner Kindheit, 1996–2001), Foto: Jens Ziehe

Aura Rosenberg, Berlin Childhood + The Angel of History, Ausstellungsansicht (aus der Serie Berliner Kindheit, 1996–2001), Foto: Jens Ziehe

Aura Rosenberg, Berlin Childhood + The Angel of History, Ausstellungsansicht (aus der Serie Berliner Kindheit, 1996–2001), Foto: Jens Ziehe

Aura Rosenberg, Engel der Geschichte, 2013, Foto: Jens Ziehe

Aura Rosenberg, Engel der Geschichte, 2013, Foto: Jens Ziehe

Aura Rosenberg, Nähkasten, 2004/2022, Foto: Jens Ziehe

Aura Rosenberg, Nähkasten, 2004/2022, Foto: Jens Ziehe

Aura Rosenberg, Berlin Childhood + The Angel of History, Ausstellungsansicht, Foto: Jens Ziehe

Aura Rosenberg, Berlin Childhood + The Angel of History, Ausstellungsansicht, Foto: Jens Ziehe

Aura Rosenberg, Black Noise (The Angel of History), 2006, Foto: Jens Ziehe

Aura Rosenberg, Black Noise (The Angel of History), 2006, Foto: Jens Ziehe

Aura Rosenberg, Berlin Childhood + The Angel of History, Ausstellungsansicht, Foto: Jens Ziehe

Aura Rosenberg, Berlin Childhood + The Angel of History, Ausstellungsansicht, Foto: Jens Ziehe


(English version)

Memory and History – (Auto-)Biography and Historiography: At the center of Aura Rosenberg’s exhibition at RL16 are two series of works, Berlin Childhood and Angel of History. In these, the artist, whose father emigrated from Germany to the USA in 1939, draws on well-known publications by Walter Benjamin (1892–1940). She translates observations and formulations from them into images of the present. Coincidentally, the apartment-like exhibition space of RL16, located on the second floor of a nineteen-century building, suggests the ambiance of Benjamin’s bourgeois childhood upbringing.

Walter Benjamin began Berliner Kindheit um neunzehnhundert (Engl. Berlin Childhood around 1900) in 1932, when he left Berlin for what he feared would be a long exile. The book was published posthumously in 1950. The definitive German-language version comprises 42 short texts in which the author recalls his bourgeois upbringing in turn-of-the-century Berlin. Although the texts draw on events and locations from Benjamin’s childhood, they are nonetheless allegorical. Benjamin’s book offered Rosenberg a new perspective on the city where, since 1991, she has spent summers with her husband John Miller and her daughter Carmen Rosenberg-Miller.

Pursuing this project over many years, Rosenberg produced a multi-layered body of photographic work that reflected not only Benjamin’s viewpoint but also her own as a historically aware artist and mother. In these, analogies to Benjamin’s texts become recognizable, for example revisiting the locations or seeking out events that he describes. In this way, Carmen’s experiences became a contemporary parallel to Benjamin’s own a century earlier.

In Spring 2001, the daadgalerie (then located at Kurfürstenstraße 58 above the Café Einstein Stammhaus) showed these photographs for the first time. For the current exhibition at RL16, we borrowed some of these photos from mainly private lenders. The process of picking them up unexpectedly became a tour of the former West Berlin, where Rosenberg’s life here began.

About sixteen years ago, Rosenberg met Walter Benjamin’s granddaughter Chantal Benjamin. They became friends, and after Chantal gave birth to her daughter, Lais, Rosenberg began to document them in relation to the Berlin Childhood texts. In the films included in this exhibition, Rosenberg collaborates with the artist Frances Scholz. These films feature Chantal and Lais Benjamin while, in voiceovers, Lais reads her great-grandfather’s texts.

The show includes sculptural works as well. The needlepoint tapestry (Sewing Basket, 2004/2022) was inspired by Benjamin’s text „Der Nähkasten“ (Engl. „The Sewing Box“). The „Siegessäule“ (Engl. “Victory Column”), represented in several photographs, also appears here as a gilded miniature from the edition The Missing Souvenir. After realizing that there were no souvenirs of this sometimes-conflicted monument, Rosenberg produced this edition for the Berlin Biennale in 2004. In so doing, Rosenberg confronts the traumatic history that so troubled Benjamin.

Paul Klee’s watercolor Angelus Novus inspired Benjamin to write the „Engel der Geschichte“ (Engl. „Angel of History“), a section of his philosophical theses Über den Begriff der Geschichte (1940) (Engl. On the Concept of History). In a series of montages and an animated film, Rosenberg turns Benjamin’s text back into images. In Rosenberg’s film (2013), a „storm from paradise“ mercilessly blows the angel backward into the future. „The storm is what we call progress,“ yet the angel, caught by the wind in its wings, watches the rubble of world history pile up before its eyes. Rosenberg also montages angels onto the front pages of current newspapers, with headlines about the Corona pandemic, gun violence in the US, and the Russian war on Ukraine.

Text: Barbara Buchmaier

Many thanks to the lenders: Sammlung Artothek des Neuen Berliner Kunstvereins (n.b.k.), Marita and Matthias Deecke, Hartwig Holst and Sabine Odenkirchen, Dirk and Ise Kössendrup, Regula Kukula, Anna Winger and two private collections in Berlin; many thanks also to Efremidis Gallery for the loan of the monitor.